Fotos: Cib, R.P. Das Copyright für sämtliche Fotos in der Galerie bleibt, wie in den Haftungshinweisen beschrieben, allein bei den Autoren. OrtsterminSG Wattenscheid 09 – SC Westfalia Herne 3:0 (1:0) NRW-Liga, Lohrheidestadion, Wattenscheid „Denn die einen sind im Dunkeln/ Und die andern sind im Licht/ und man siehet die im Lichte/ Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Ohne Zweifel hätte das Zitat aus Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ auch auf die Revierderbys des Wochenendes gemünzt sein können: Während 80.000 Zuschauer und unzählige Kamerateams und Medienvertreter BVB gegen Schalke 04 verfolgten, fanden sich zum kleinen Derby SG Wattenscheid 09 gegen SC Westfalia Herne in der NRW-Liga am Freitagabend nur etwa 1.200 Zuschauer und eine Handvoll Journalisten im Lohrheidestadion ein. Rein äußerlich war Tristesse pur angesagt. Es hatte tagsüber aus Kübeln geschüttet. „Das Wetter hat uns mindestens 500 Zuschauer gekostet“, winkte ein durchnässter Ordner im Stadion resigniert ab. Auch vorher elektrisierte das Spiel in der einst kreisfreien Stadt kaum jemanden. Im „Profigrill“ vom Drei-Sterne-Koch Raimund Ostendorp an der Bochumer Straße herrschte zwar Hochbetrieb, aber vom abendlichen Spitzenspiel hatten nur vereinzelte Gäste etwas mitbekommen: „Einmal Pommes-Soße-Majo mit einem Schnitzel. Ach nee, die SG spielt heute?“, so ein Kunde, der, wie er selbst betonte, „von auswärts“ kam: aus Bochum. „In Sachen Attraktivität hat der Profigrill den Fußballern den Rang abgelaufen“, grinste Kalle K. aus Wetter und fügte hinzu: „Ostendorp grillt in der Ersten Liga der Imbissbuden und ist Kult im Revier. Und in welcher Liga spielt Wattenscheid jetzt noch gleich?“ Während er sorgsam die Petersilienblätter(!) aus seiner Currysauce entfernte, regte sich dann aber doch zarter Protest gegen diese Blasphemie. Ausgerechnet von einem Herner Fan, der bei seinem Ausflug nach Wattenscheid den „Kult-Grill“ mal eben mitgenommen hat: „Dat kannste jetzt aber auch nicht sagen!“ Passend zu einem Derby konnten die Herne bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen: Der 390er der Bogestra verbindet den Herner Bahnhof mit dem August-Bebel-Platz in Wattenscheids Mitte. Schon vorher wurden im Fan-Forum eifrig Verhaltensregeln erläutert „Denkt dran, im Bus darf man nicht mehr trinken!“ und das sich selbst Mut zusprechende Motto ausgegeben: „Dreiviertel Stunde? Das schaffen wir schon!“ Leidenschaft beginnt ja nicht umsonst wortwörtlich mit „Leid“ – auch und gerade in der fünften Liga. Burkhard Marks kommt seit über dreißig Jahren in die Lohrheide. „Ich habe alles mitgemacht: Bundesliga mit Steilmann, Regionalliga, die Erfolge und die Krisen. Tatsächlich macht es jetzt sogar mehr Spaß, die junge Mannschaft zu sehen, als in den Jahren, in denen wir mit abgehalfterten Profis mit Hängen und Würgen um irgendeinen Klassenerhalt kämpfen mussten.“ Die SG09 ist einfach sein Verein: „Das kann man sich nicht aussuchen!“ Ob sich gegenüber Steilmanns-Zeiten sonst noch etwas verändert hat? „Natürlich“, erwiderte der kaufmännische Angestellte aus Hattingen, „heute komme ich mit meinem Sohn ins Stadion.“ Kurz vor dem Anpfiff verwandelte sich das Dauerschütten in zarten Nieselregen. Das Flutlicht verlieh dem Aufeinandertreffen einen fast fluoreszierenden Proficharakter und irgendwie spürte man den Pulsschlag des Spiels bis auf die Pressetribüne. Oder war es doch nur die herbstliche Kälte? Immerhin durften die etwa 350 Herner Fans aufgrund des Regens in einem Außenblock unter dem Dach der 4.200 Zuschauer fassenden Haupttribüne Platz nehmen. Und so mancher Balljunge am Spielfeldrand drehte sich erschreckt herum, wenn die wilden Fan-Gesänge durch die große Leere hallten. Erst als die Herner Fanschar doch noch vom Niederschlag ergriffen wurde, den Wattenscheider Kontertoren, kehrte wieder Ruhe unter dem Stadiondach ein. Derbys sind auch immer Ruhrgebietsgeschichte. Anno 1954 kämpften beide Mannschaften um den Aufstieg in die Oberliga West. Das Spiel vor 18.000 Zuschauern am alten Stadion Beckmannshof überlieferte ein Herner Redakteur in einer höchst eloquenten Reportage der Nachwelt: „Eine Herner Invasion überschwemmte Wattenscheid. Gewiss, die Herzen klopften vor Aufregung im Boogie-Woogie-Rhythmus. Mancher saß im PKW oder im Bus, der am Mittagstisch keinen Happen herunterbekommen hatte. Eine Beruhigungszigarette folgte der anderen. Diese Spielzeit 1953/54, spannender als ein Kriminalroman von Edgar Wallace, verlief für uns Herner nervenkitzelnder als ein Wildwester aus Hollywood. 90 Minuten bevor der Schlussgong ertönte, stand Westfalia an der Schwelle der Oberliga und pochte an deren Tür. Aber diese Tür öffnete niemand freiwillig. Mit einem Gewaltansturm musste sie aufgebrochen werden. Es klappte. Heute sind wir Herner stolz wie Spanier:“ Von diesen Gefühlen waren Westfalias Anhänger am Freitagabend aber 54 Jahre und 90 Minuten entfernt. Während die Wattenscheider Fans im Stadion noch ihren 3:0-Heimsieg bejubelten, schlichen die Anhänger in blau-weiß mit hängenden Köpfen über das brach liegende Gelände der Zeche Holland zurück zu den Parkplätzen. „So eine verdammte Scheiße“, schimpfte ein Fan lautstark, während er allein am Seitenrand stand und urinierte. Über seinen Rücken hinweg ragte das Fördergerüst der Zeche Holland in den düsteren Nachthimmel. Es begann, wieder stärker zu regnen. Erst am nächsten Tag, pünktlich zum Derby der Millionäre um 15.30 Uhr, brach die Sonne durch den grauen Wolkenhimmel. Wie gesagt: Die einen sind im Dunkeln… R.P.
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